Sonntag, 9. August 2015

Homo Orthorexus

Heute muss ich ein wenig weiter zurück ausholen. Ein wenig mehr weiter. So ca. 30.000 Jahre.

An einem kalten und regnerischen Tag saß in einer schönen dunklen Höhle ein Neandertaler. Und machte, was Neandertaler so den ganzen Tag über machten. Da es damals weder Youtube noch Smartphones gab, sind leider heute weder Videos noch Selfies des Alltags der Steinzeitmenschen überliefert. Der Neandertaler (hey, hier lernt ihr noch was!)  stammt vom Homo Erectus. Parallel dazu hatte sich der Homo Sapiens entwickelt. Sapiens, weil Latein: Verständig, klug, vernünftig. hihihi
Also wir.

Was der frühe Homo Sapiens so den ganzen Tag machte, wissen wir auch nicht so wirklich. Irgendwas halt. Und zack, 30.000 Jahre später ist jetzt. Und wir sind hier. Dank dem Internet wissen wir (leider) sehr genau, was wir den ganzen Tag über so machen. Z. B. so lustige Dinge wie eine Steinzeitdiät. Damit das nicht so... äh... alt klingt, nennt man es dann Paleo. Hört sich gleich viel wissenschaftlicher an. Also muss es richtig gut und sein. Weil eben wissenschaftlich.
Das ganze orientiert sich daran, dass der Mensch mal als Jäger und Sammler seine Karriere begann (vor insgesamt dann über 2 Millionen Jahren). Also nix verarbeitetes, nix aus Massentierhaltung usw. Eigentlich ne gute Sache. Uneigentlich genau so ein Murks, wie jede fanatische Religion Lebensweise. Insbesondere dann, wenn es als das neuste superdupa Wunder verkauft wird, das all deine Probleme lösen wird.

Wird es nämlich nicht.

Kurz zur Klarstellung: Eine gesunde, ausgewogene Ernährung ohne Zusätze ist toll. Jetzt im Ernst und ganz ohne Zynismus.
Das Hochgehype eines Lifestyles, begründet auf semiwissenschaftlichen Ansätzen, ist dämlich. Und geht mir auf den Sack.

Geworben wird unter anderem mit so Aussagen, wie, dass die Menschen damals schlank, leistungsfähig und überdurchschnittlich gesund waren.
Und in der Regel mit 30 Jahren gestorben. Verhungert. Gut, das mag durchaus ein positiver Aspekt für unsere Dauerdiät-Gesellschaft sein, beißt sich dann allerdings doch ein wenig mit dem Argument der Gesundheit... Also noch mal: Der Steinzeitmensch war schlank, weil es wenig zu Essen gab. Der Steinzeitmensch war leistungsfähig und überdurchschnittlich gesund, weil diejenigen, wie es nicht waren, starben. Und das recht früh und recht schnell.

Bevor man sich der Beweihräucherung dieses Konzepts hingibt, würde ich zudem empfehlen, sich mit dem Steinzeitmenschen an sich noch mal zu beschäftigen. Also einfach mal ins nächste Naturkunde Museum oder ein spannendes Buch lesen, es gibt auch welche, die sind für alle verständlich:



Dann findet man nämlich heraus, wie so ein Steinzeitmensch aussah. Eher klein. Um nicht zu sagen winzig. Und eher schmächtig. Und nein, Ernährung hat keine Auswirkungen auf sowas wie Körperbau...


Eine andere Möglichkeit, sich selbst das Leben schwer zu machen (da wir ja eben nicht mehr permanent von Krankheit, Hunger und einem Säbelzahntiger bedroht werden), ist (neben der sehr erfolgreichen Methode der (Random-)Restriktion bestimmter Nahrungsmittel) die permanente Verwissenschaftlichung der alltäglichen Ernährung.

Für den Selbstversuch: Stelle in einem x-beliebigen Forum (oder sonstigen Seite im WWW) irgendeine Diätproblematik vor. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wird dir als Problemlösungsansatz empfohlen, auf die Eiweißeinnahme zu achten. Nein, viel mehr wird gewarnt, dass bei nicht ausreichender Eiweißaufnahme du quasi schon so gut wie tot bist. Einseinself. Weil, wenn du nicht genug Eiweiß isst, baust du Muskeln ab! Willst du Muskeln haben (und alle wollen Muskeln haben!!) musst du viel Eiweiß essen.

Ein Muskel wird abgebaut, wenn er nicht benutzt wird. Ein Muskel bleibt erhalten, wenn er moderat belastet wird. Ein Muskel wächst, wenn man ihn größeren Reizen aussetzt.

Und ich bin immer noch davon überzeugt, dass das Gehirn ein Muskel sein muss...

Der unmittelbare Zusammenhang zwischen Eiweiß und Muskeln erschließt sich mir lediglich im Konsum von Eiweißpulvern, welche in 5Kg-Eimern gekauft (und dann nach Hause getragen werden müssen).

Natürlich brauch der menschliche Körper Eiweiß. Und ja, eben auch besonders für die Muskeln. Nur eben nicht eimerweise. In nahezu jedem Lebensmittel steckt Eiweiß drin. Logischerweise in unterschiedlicher Konzentration. Beim Vertreter der Gattung Homo SAPIENS darf ich doch davon ausgehen, dass das mit der Ausgewogenheit irgendwie funktioniert? Dass es bei einer veganen 800 kcal/Tag + einen verbotenen Inhaltsstoff Diät schwierig werden könnte, sehe ich ja auch. Aber ich hack mir ja auch nicht beide Beine ab und beklag mich dann, dass alle anderen schneller laufen können...

Der Durchschnittsmensch deckt seinen Eiweißbedarf durch seine normale Ernährung. Glaubt mir einfach.

Dann gibts ja noch die Überdurschnittsmenschen (oder zumindest die, die sich dafür halten). Kraftsportler z.B. Die brauchen viel mehr Eiweiß. Viel mehr. Ganz viel. Jo, sehe ich auch so. Nur: Von allen Leuten, die Kraftsport machen, würde ich maximal ein halbes Prozent dazu zählen. Wenn ich großzügig aufrunde.


Wem das mit dem Eiweiß zu langweilig ist, oder nicht genug Erfolg bringt (...), dem sei mal ein Cheatday zu empfehlen. Machen die Bodybuilder ja auch. Ein Cheatday ist, wenn man an einem Tag einfach alles, worauf man Bock hat, in sich reinstopft. Das kurbelt nämlich den Stoffwechsel an.
Also, eine Person, die über Jahre (Jahre!) ihren Körper trainiert und formt und sich in der Tiefe mit der optimalen Ernährung beschäftigt, Training und Ernährung dermaßen für sich perfektioniert hat, legt hin und wieder Cheatdays ein. So, dann kommt die breite Masse, hungert fünf Tage in der Woche und haut am Wochenende Unmengen an Fraß in sich rein, der fernab von ausgewogen oder gesund ist. Mit Genuss hat es auch eher selten was zu tun. Mehr mit Jetzt-endlich-mal-dürfen und Jetzt-ist-alles-scheißegal. Und wundert sich hinterher, dass das mit dem Traumkörper nicht klappt. Dann hilft nur noch eins: Es anderen zu empfehlen. Weil wenn alle doof aussehen, fällt die eigene Unzulänglichkeit nicht auf.


Wem das immer noch nicht reicht: Sportlernahrung googlen. Bei den dargestellten Angeboten fühle ich mich genötigt, das Periodensystem aus dem Chemieunterricht in der Schule zu Rate zu ziehen. Leider finde ich diese Elemente dort auch nicht... Gainer? Creatin? BCAA? Leute ich kann meine eigene Steuererklärung machen und mir die Schuhe binden, reicht das nicht?
Nein, da steht, ich brauch das alles, um wirklich fit zu werden, um das beste aus mir rauszuholen. Irgendwie stimmt das, weil wenn ich sowas les, möchte ich manchmal nur kotzen und wenn ich vorher Schokolade gegessen habe, könnte man tatsächlich das Beste aus mir rausholen...


Über die Böswilligkeit von Zucker, Weizen, Milch, Gluten, Salz mag ich mich gerade nicht mehr auslassen... Aber ich denke, mein Denkprinzip ist klar geworden?


Ein schöner Artikel, in welchem ich den passenden Begriff des problemorientierten Essens fand, kann ich euch hier empfehlen.

Wenn nun in ein paar tausend Jahren die Forscher das Höhlenmalereiäquivalent des Jahres 2015 betrachten, bezeichnen sie dann diese Epoche als Zeitalter des Homo Orthorexus? Des Menschen, der eigentlich alles für eine gesunde und ausgewogne und vor allem entspannte Lebensweise hatte, sich aber selbst mit Restriktionen, Vorgaben und Zwängen kasteite? Und damit sehr sehr unglücklich machte?



Noch mal zurück zum Neandertaler. Der verschwand vor 30.000 Jahren, aus unbekannten Gründen. Ich habe da meine eigene Theorie: Als das Wetter wieder besser wurde, kam er aus seiner Höhle, sah den Homo Sapiens, sah, wie der sich selbst verrückt machte. Überlegte... dachte darüber nach, dass es sich hierbei um eine ihm überlegene Art handelte. Fasste einen Beschluss, nahm seine Keule und... verschwand.

Kommentare:

  1. Ich bin ja überzeugt, dass der Neandertaler nicht vollkommen ausgestorben ist und in so manchen Exemplaren weiterlebt. Wie sonst sind manch komische Gedanken (nein, ich meine nicht deine!) zu verstehen?!

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    1. Ich glaub, da tust du dem Neandertaler unrecht :(

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    2. Du bist ja noch böser wie ich ;)

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    3. Jetzt tust du MIR unrecht :P

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  2. Ist Creatin nicht in Haaren?! öÖ

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    1. Ja, aber was für die Haare toll ist, muss doch auch für die Muskeln gut sein! Oder etwas nicht?

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  3. Ich bin tatsächlich erst vor kurzem auf einer "Paleo-Convention" gewesen. Mir sagte das vorher gar nix und ich war neugierig.
    Das Konzept an sich finde ich schon interessant, halte es in der Umsetzung dann auch für schwierig. Immerhin gab es ziemlich leckeres Kokusnuss-Eis und Fisch.
    Allerdings auch Müsli-Riegel für 4€.

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